Winzerla – Kunst als Spurensuche im Schatten des NSU

Eröffnung am 24.04.2015
es spricht Verena Krieger

Ausstellung 25.04.15. – 29.05.15 im Jenaer Kunstverein e.V.
Der Katalog zur Ausstellung erscheint im Kerber Verlag.

Obwohl wir heute so viel über die Geschichte des rechtsterroristischen NSU wissen, bleibt das Gefühl, dass sie unverständlich, ja letztlich unerklärbar bleibt. Wenn aber politische Erklärungsmuster an ihre Grenze stoßen, richtet sich vermehrte Aufmerksamkeit auf die Möglichkeiten der Kunst. Ihre Stärke ist zwar nicht, für restlose Aufklärung zu sorgen – vielmehr tendiert sie dazu, alles noch komplizierter zu machen als es ohnehin schon ist. Aber sie vermag neue Perspektiven zu eröffnen.


Aufgewachsen ist Sebastian Jung in Winzerla, jener zu Jena gehörenden Plattenbausiedlung, die als Herkunftsort der drei NSU-Mitglieder bekannt wurde. Hier hat er in den 1990er Jahren, als die Jugendlichen Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe sich radikalisierten, seine ersten zehn Lebensjahre verbracht. Sein Rückblick auf Winzerla ist also der Blick eines Kindes. Und Kinder schauen absolut unvoreingenommen auf die Welt, die sich vor ihnen auftut.


Als Künstler hat Sebastian Jung sich die Begabung zum kindlichen Blick bewahrt. In diesem Buch unternimmt er eine künstlerische Spurensuche. Fotos und Zeichnungen, Skulpturen und Texte umkreisen gemeinsam ein Stück städtischen Lebensraums, erzeugen dabei eine vage Atmosphäre, die nicht eindeutig negativ ist, aber etwas diffus Unheimeliges hat. „Irgendetwas stimmt da nicht“, diesem Grundgefühl seiner Kindheit verleiht Sebastian Jung ästhetischen Ausdruck. Seine Werke machen nicht nur individuelle Erinnerung als Beitrag zur Geschichtsaufarbeitung verfügbar, sondern ermöglichen auch einen empathischen Zugang zur Geschichte.
Verena Krieger

Auszug aus dem Katalog im Kerber Verlag:

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