Circus

Einzelausstellung am Theaterhaus Jena
Kuratiert von Prof. Dr. Verena Krieger

Katy, Miley, Britney; Google
Kohle und Pastell auf Leinwand
100 x 130 cm

Artisten
Puppen aus verschiedenen Materialien.
Höhe 90 – 120 cm

Jugendzimmer
Bleistift, farbiges Papier und Pastell auf Raufaser auf Leinwand.
80 x 100 cm

„Irgendetwas stimmt da nicht“ – dies war das prägende Gefühl, mit dem Sebastian Jung seine Kindheit in Winzerla verbrachte, jenem Jenaer Ortsteil, in dem auch die drei Mitglieder der NSU-Terrorgruppe aufwuchsen und wo in den 1990er Jahren eine ganze Generation nur mühsam den tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbruch verkraftet hat, orientierungslos, sozial verroht und hilflos gegenüber den neuen Maßstäben. „Irgendetwas stimmt da nicht“ kann man auch als untergründiges Leitthema seines künstlerischen Werks bezeichnen, welches das menschliche Dasein unter den gesellschaftlichen Bedingungen der Gegenwart ästhetisch zu begreifen sucht. In vielfältigen Medien setzt er sich mit der Normalität eines Lebensalltags auseinander, der durch die universelle Dominanz des Warenförmigen charakterisiert ist.

 

Immer neu ansetzend fängt er in seinen Zeichnungen alltägliche Situationen ein, in denen Menschen miteinander allein sind und konsumierend Mangel leiden. Mit sparsamer Linienführung greift er in äußerst verknappender Weise markante Gesten, Blicke, Konstellationen auf, häufig wiederholend und variierend, mit wechselnden Ausschnitten und immer näher an seine Objekte heranrückend. Er hat einen sezierend genauen Blick für das Wesentliche, doch geht es ihm nicht um die Denunziation der von ihm dargestellten Individuen, sondern um empathisches Einfühlen in ihre Gefangenheit zwischen harmlosen Freuden, leeren Blicken und unerfüllten Sehnsüchten. Die Orte, an denen sich die Szenen abspielen, sind austauschbar: Sei es ein Einkaufszentrum oder ein Circus, stets begegnen sich Menschen in zur zweiten Haut gewachsenen Rollen und brüchigen Stimmungslagen, auf der endlosen Suche nach etwas Ungewusstem.

 

Auch in seinen Gemälden thematisiert Sebastian Jung das entfremdete Dasein des zeitgenössischen Menschen. Die aus den Zeichnungen vertrauten Motive rücken hier zu- und ineinander und bilden scheinbar zusammenhanglose Konstellationen. Angereichert werden sie durch Motive aus der Hoch- und Populärkultur – Tischbeins Goethebildnis taucht hier ebenso auf wie eine afrikanische Skulptur oder Britney Spears. Die ungrundierten Leinwände tragen mit ihrer markanten Struktur als selbstständiges Bildmittel zur ästhetischen Gesamtwirkung bei. Auf ihnen treten die zarten weißen Linien flächenhaft schwebend hervor, denen als drittes Element leuchtende Farbflächen Akzente setzen. Nur auf den ersten Blick funktioniert das Verhältnis von Linie und Farbe nach dem Prinzip des Ausmalbildes, tatsächlich bilden die farbigen Partien eine das Bildganze überformende Struktur, die einer eigenen Logik folgt.

 

Auf wiederum andere Weise knüpfen schließlich Sebastian Jungs skulpturale Arbeiten an seine Zeichnungen an, deren fremden Blick auf die herrschende Normalität sie als verfremdete Normalität spiegeln. Es handelt sich um textile Objekte in anthropomorpher Gestalt, die mit monströsen Auswüchsen ausgestattet sind. Im Grundansatz menschliche Torsi, bleiben sie doch so unbestimmt, dass sie Assoziationen in unterschiedlichste Richtungen ermöglichen. Während ihre Weichheit und der davon ausgehende taktile Reiz, aber auch die glamourösen Stoffoberflächen ihnen Anziehungskraft verleihen, wirkt die Überschreitung der menschlichen Form ins Formlose hinein irritierend, ja geradezu erschreckend. In ihrer Fragilität und Nacktheit scheinen sie eine Essenz menschlicher Existenz auszudrücken, weisen aber aufgrund des Reichtums ihrer Bezüge zugleich auf deren gesellschaftliche Dimensionen hin. Stets hält Sebastian Jung in seiner Kunst die Waage zwischen beiden Polen. So erweist es sich als sein Ziel, das Wahre im Falschen zu ergründen.

 

Prof. Dr. Verena Krieger, FSU Jena

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