Entfremdung

Einzelausstellung mit der Kunstsammlung Jena

Text von Erik Stephan (Kunstsammlung Jena)

Die künstlerische Arbeit von Sebastian Jung setzt mit der Gestaltung politischer Plakate ein. Was zunächst der offensiven Verortung eines noch jugendlichen Befindens gleicht, formt das Raster einer Welterkenntnis, die immer auch eine politische Komponente behält. Später, als Sebastian Jung an der Bauhaus-Universität Weimar die Möglichkeiten und Strategien der visuellen Kommunikation studiert, bleibt diese grundlegende Disposition erhalten, reift in den Verzahnungen von Inhalt und Form und gewinnt durch den Einfluss des Persönlichen an Originalität. Zwischen den Fronten der künstlerischen Reifung bleibt Jung einer jener Künstler, dessen Kunst nicht nur Abbild ästhetischer Überlegungen ist, sondern einer, der mit seiner Arbeit zugleich Zeichen persönlicher und politischer Selbstvergewisserung setzt.

Direkt und im Umfeld seiner Diplomarbeit entsteht ein umfangreicher Werkkomplex unter dem Titel ENTFREMDUNG, der sich in drei Blöcke gliedert und in dem Jung erstmals seine künstlerischen Möglichkeiten darstellt. Ausgangspunkt der aus Fotografien, Zeichnungen und Installationen bestehenden Arbeit ist ein persönliches Empfinden, die Wahrnehmung einer Umwelt, die sich von den eigenen Erwartungen, Wünschen und Hoffnungen abhebt und als entfremdet erlebt wird. Jung arbeitet an einer persönlichen Physiognomie seiner Umwelt, an einem Abbild, das er stilistisch über verschiedene Felder aufspannt und dokumentarisch, artistisch oder auch dramatisch darstellt. Die Notation des Gesehenen steht neben motivischen oder auch dramaturgischen Weiterentwicklungen, die den Arbeiten einen größeren Bedeutungsrahmen zuweisen.

Im ersten Kapitel zeigt Jung die „Hülle“, das Außen – und verifiziert seine These von der Entfremdung der Dinge mit Fotos, die zumindest scheinbar die Bruchstückhaftigkeit der Umwelt dokumentieren. Zwischen Architektur, Verpackungen, Beschriftungen und Arbeitssituationen ist zumindest eines klar: Es ist eine Welt permanenten Wandels, die sich aus Versatzstücken erklärt und auf Produkte orientiert ist.

Im zweiten Kapitel spitzt Sebastian Jung seine Fragen zu und zielt auf die „Schicht“, die uns umgibt, auf die Fassade, die gleichermaßen als Versteck und Erklärung unseren Kontakt zur Welt darstellt. Die Fotos sind entweder so nüchtern wie die Umgebung, die Jung wählt oder sie verweisen auf hintergründige Sehnsüchte, die jedoch in der Inszenierung oft gebrochen werden.

Mit der „Schale“, dem dritten Kapitel seiner Arbeit, greift Jung am weitesten aus und dekliniert sein Befinden im Spannungsfeld zwischen Verletzung, erotischer Selbstbehauptung und existenzieller Nabelschau. Die Haut wird hier zur tragenden Metapher einer Welt, die – sinnlich und verletzlich gleichermaßen – von Hoffnungen und Sehnsüchten getragen als entfremdet erlebt wird.

Erik Stephan (Kurator der Kunstsammlung Jena)

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