Portrait in der Süddeutschen Zeitung von Kito Nedo

Der Künstler Sebastian Jung zeichnet Querdenker und Erotikmessen

Kito Nedo, Süddeutsche Zeitung

Sebastian Jung zeichnet auf Demonstrationen, bei Erotikmessen und in Einkaufszentren. Während der Pandemie wurde er zum Künstler der Stunde. Und beschäftigt die Wissenschaft.

Durchschnittlich drei Minuten braucht Sebastian Jung, um eine Zeichnung zu produzieren. Das ist, so erklärt es der Künstler, ein „statistischer Wert“. Dieser Wert ergibt sich, wenn man sechs Stunden Arbeit und ungefähr 120 Zeichnungen zueinander ins Verhältnis setzt. Die Zeit für das Beobachten ist da schon mit eingerechnet. „Ich zeichne nur, wenn ich etwas beobachtet habe.“ Aber die Idee ist schon, dass Jung die Szenen, die er beobachtet, möglichst roh, ohne Verzögerung und in hoher Taktung mit dem Bleistift direkt aufs Papier bringt.

Nach dem Besuch einer Demonstration, einer Gerichtsverhandlung, einer Gedenkstätte, auf dem Oktoberfest oder im Zoologischen Garten kommen auf diese Weise schnell große Serien zusammen. Jung arbeitet immer mit dem gleichen Bleistift, Härtegrad HB. Auch das Papierformat bleibt immer gleich: DIN A5. So hat sich der Künstler „ein absolut genormtes System“ geschaffen. Jung zeichnet mit ganz wenigen Strichen und verzichtet auf Schraffuren oder andere Effekte. Doch seine Zeichnungen sind keine Vorstudien. Im Gegenteil. Sie stehen für sich und machen einen beträchtlichen Teil seines Werkes aus. Es sind verwirrende Bilder von Menschen mit Menschen, Menschen mit Dingen oder Menschen mit Tieren.

In der Allgegenwärtigkeit von Social Media begreift sich Jung nicht als Außenstehender

Auf den ersten Blick erscheinen sie lustig, aber Karikaturen sind das nicht. Sie zeigen oft kleine Situationen und Gesten, aber sie zielen auf das gesellschaftliche Große und Ganze. Sie spiegeln Politik, Konsum und Zerstreuung zugleich auf eine radikal involvierte wie distanzierte Art und Weise. An ihnen ist nichts Abgehobenes, denn der Künstler begreift sich nicht als Außenstehender, sondern ist mittendrin, als Teil der Gesellschaft. „Gesellschaftskritik ist für mich auch Selbstkritik.“ An Besserwisserei ist Jung also nicht interessiert. Doch er hat eine Haltung. In der Allgegenwärtigkeit von Social-Media-Livestreams im täglichen Welttheater bringt der künstlerische Griff zu Bleistift und Papier geradezu schulbuchmäßig die Unterbrechungskraft eines Brecht’schen Verfremdungseffekts ins Spiel.

Der Künstler Sebastian Jungen zeichnet aktuelle Ereignisse - inzwischen auch Corona-Demos. Eine Begegnung auf 142 Z von Kito Nedo
So tagesaktuell ist die bildende Kunst nur selten: Sebastian Jungs „Attila Hildmann demonstriert am Alten Museum“. (Foto: Sebastian Jung)

Angefangen mit dem Zeichnen hat der im Jahr 1987 geborene Künstler in den Stadtrand-Einkaufszentren seiner Heimatstadt Jena. Das war um 2009. Ihn interessierten diese seltsamen Zentren mit den „traurigen Menschen an einem Ort, wo es eigentlich alles gibt“. Dort hat er sein spezifisches Aufzeichnungssystem entwickelt, mit dem er anschließend überall hingehen konnte. Nach dem Studium an der Bauhaus-Universität Weimar lebt er seit ein paar Jahren in Leipzig. Jung zieht es überall dorthin, wo die Menschen sind und wo Mangel und Überfluss zugleich herrschen. Politische Orte und Orte des Scheiterns. Er hat auf Erotik- und Modellbaumessen gezeichnet, bei Pegida-Demonstrationen und Nazi-Aufmärschen und auf Kunstmessen sowieso. Er war zweimal beim Münchner NSU-Prozess, einmal ganz am Anfang und einmal ganz am Ende.

Seit es die Querdenker-Szene gibt, geht er auch auf deren Demos, um sie auf seine Art zu dokumentieren. Es gibt kaum künstlerische Bilder, welche die seltsame Mischung aus Aggressivität und Esoterik, Verschwörungsglauben, Wissenschaftsfeindlichkeit und politischer Hetze, Zynismus, Aberglauben und echter existenzieller Verzweiflung besser treffen als die Blätter in den Serien von Jung. Für die Zeichnungen, die seit Beginn der Pandemie entstanden sind, hat Jung in Zusammenarbeit mit dem Thüringer Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung kürzlich eine eigene Webseite ins Netz gestellt: hotspotsociety.com. Dort ergänzen kultursoziologische wissenschaftliche Texte aus verschiedenen Perspektiven die Zeichnungen aus der Pandemiezeit und geben ihnen einen diskursiven Rahmen.

Auf Querdenker-Demos ist der Künstler der einzige Maskenträger

Dieser „Thinktank“ ist gleichberechtigter Teil der künstlerischen Geste. Jungs Bilder aus den vergangenen anderthalb Jahren von den verschiedenen Demonstrationen gegen die Hygiene-Maßnahmen oder aus dem Supermarkt mit den leeren Regalen nach den Hamsterkäufen zeigen die Krisengebiete direkt vor der Haustür. Weil er keine Kamera bei sich hat, sondern lediglich einen Din-A5-Zeichenblock und einen Bleistift, erhält er auf Demonstrationen einen erstaunlichen Freiraum. Sogar als einziger Maskenträger weit und breit. Wenn sich irgendwann in der Zukunft ein Museum die Mühe machen sollte, das zeichnerische Werk von Jung für eine Überblicksschau zusammenzutragen, dürfte das ein ziemlich pointiertes Panorama der Gegenwart ergeben.

Fast wie nebenbei hat Jung die Zeichnung als Gegenwartsmedium rehabilitiert, speziell die künstlerische Reportagezeichnung. In der Kunstwelt gilt sie seltsamerweise seit jeher als äußerst randständiges Medium. Doch ihre Schnelligkeit und Mobilität, die Unmittelbarkeit und subjektive Eigenwilligkeit, auch die Nähe zum Text scheint bestens zu dieser zerrissenen Gegenwart zu passen, die gleichzeitig zäh und beschleunigt, realräumlich begrenzt und virtuell entgrenzt und äußerst affektgeladen erscheint. Derzeit ist in der Berliner KM-Galerie eine Ausstellung mit Jungs Arbeiten zu sehen. Der Titel der Schau, die sich um die ungeschriebenen Regeln des Kunstmarktes dreht, lautet „Spielregeln“. Gezeigt wird unter anderem die Serie „Kunstmesse“ von 2018, vierundvierzig Zeichnungen, die Jung damals auf der „Art Berlin“ produzierte. Am Eröffnungswochenende Anfang Mai hat sich der Künstler ein paar Stunden zu seiner Kunst und den beiden Galeristen in den Ausstellungsraum am Mehringplatz gestellt. Irgendwann ist er dann aber rüber zur traditionellen 1.-Mai-Demo gefahren. Nicht um zu demonstrieren, sondern um zu zeichnen.